Kommentar zum Artikel „Das Paradox“ in brandeins

In der November Ausgabe von brandeins findet sich ein Artikel von Wolf Lotter zum Schwerpunkthema „Ökonomischer Unsinn“. Ich habe einen Kommentar verfasst, der im Folgenden zu lesen ist.

In der aktuellen Ausgabe von brandeins ist „Ökonomischer Unsinn“ Schwerpunkthema. Das hat mich als passionierten Ökonomen natürlich neugierig gemacht. Hängen geblieben bin ich bei Wolf Lotters Artikel „Das Paradox“, welcher mit einem Bezug zu Astrid Lindgren beginnt: Michel aus Lönneberga steckt mit seinem Kopf in einer Suppenschüssel fest. Um den Knaben aus seiner misslichen Situation zu befreien, stehen zwei Optionen im Raum: entweder die Schüssel zu zerbrechen oder zum Arzt zu fahren. Die Anschaffung einer neuen Schüssel wird vom Vater mit vier Kronen veranschlagt, der Arztbesuch würde mit drei Kronen zu Buche schlagen. Der Vater entscheidet daher, Michel zum Arzt zu bringen, weil man so eine Krone verdienen würde.

Diese Erkenntnis wird nun vom Autor als Beispiel für einen ökonomischen Widerspruch aufgeführt, ohne jedoch dem Leser genauer zu erläutern, wo in diesem Beispiel der ökonomische Unsinn versteckt sein soll, denn aus ökonomischer Sicht ist die Erkenntnis des Vaters völlig richtig. Lotter geht einem Trugschluss auf den Leim: die Ausgaben werden nicht durch einen Lustkauf ausgelöst sondern durch einen Schadenfall. In dem Moment, in dem Michel feststeckt ist klar, dass für Abhilfe gesorgt werden muss. Rein ökonomisch wird ein vernünftiger Entscheider nun die günstigste Variante wählen, in diesem Fall den Arztbesuch. Denn so wird die knappe Ressource Kapital am effizientesten verwendet. Wäre der Vater ein Unternehmer und würde am Jahresende bilanzieren, würde der Bilanzgewinn um eine Krone höher ausfallen wenn der Arzt aufgesucht wird anstatt die Schüssel zu zerbrechen. Insofern sind sowohl die Aussage des Vaters als auch sein Handeln ökonomisch völlig korrekt. Problematisch wird die Sache nur, wenn man sich von der Werbung verführen lässt: Wird mir beispielsweise eine Kamera zu einem günstigen Preis angeboten, die ich vorher eigentlich nicht kaufen wollte, dann habe ich durch die Preisreduktion natürlich nicht wirklich etwas gespart – ganz im Gegenteil. War ich aber ohnehin mit einer festen Kaufabsicht unterwegs und sehe zufällig das Angebot, dann sieht die Sache anders aus. Im Fachjargon nennt man das dann Konsumentenrente bzw. Opportunitätskosten. Diese beiden Konzepte lernt jeder Wirtschaftsstudent in der Einführung zur Mikroökonomie.

Man kann dieses Beispiel natürlich nun beliebig komplex machen: So wären der Aufwand des Arztbesuchs gegen den Aufwand eine neue Schüssel zu erwerben gegeneinander abzuwägen. Oder auch das Risiko, dass dem Arzt die Schüssel kaputt geht und wer ggfs. dafür haftet. Oder wie groß der Leidensdruck des kleinen Michels ist, die Schüssel möglichst schnell vom Kopf zu bekommen. Allerdings deutet nichts in dem Artikel darauf hin, dass der Autor auf diese Punkte hinaus wollte. Auch der etwas despektierliche Ausruf „… so macht man Profit! Wahrer Kapitalismus fängt bei den kleinen Dingen an“ zeugt von wenig ökonomischem Verständnis. Tatsächlich sind die vielen kleinen Ausgaben diejenigen, die Konsumenten am meisten unterschätzen. Gerade die Werbung versucht größere Beträge zu verharmlosen, in dem sie einfach gesplittet werden (z.B. in Abos oder Raten). Andererseits ist es auch lohnenswert, kleine Sparraten zu investieren, sofern man dies über lange Zeiträume tut.

Offensichtlich ist ökonomischer Unsinn so hartnäckig und verbreitet, dass er selbst in einem Magazin wie brandeins prominent veröffentlicht wird.

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