Podiumsdiskussion 21. Börsentag Hamburg

Foto: Maximilian Ligus

Am 5. November ging der Hamburger Börsentag in die 21. Runde. Die größte eintägige Finanz- und Anlegermesse hat auch dieses Jahr mehr als 6.000 Besucher angelockt. Denn der Informationsbedarf ist vielleicht groß wie nie: Unsichere Zeiten dank Brexit und US-Wahl sowie das Niedrigzinsumfeld machen die Kapitalanlage zu einem schwierigen Unterfangen.

Nach der Krise ist vor der Krise

Das alljährliche Highlight findet im Albert-Schäfer-Saal der Handelskammer Hamburg statt wenn Experten aus Wissenschaft und Praxis über aktuelle und zukünftige Entwicklungen an den Finanzmärkten diskutieren. Dieses Jahr waren Michael Arpe (Hanseatischer Anleger-Club), Robert Halver (Baader Bank), Carsten Klude (M.M. Warburg), Christian Michalkiewicz (UBS) und Prof. Dr. Peter Scholz von der HSBA mit von der Partie. Moderiert wurde die Runde von Andreas Gross (Börsen TV).

Das erste große Thema war dann auch die Notenbankpolitik und das Niedrigzinsumfeld. Obwohl Zinsen nicht der einzige Faktor sind, der die Börsen treibt, sind sie natürlich ein wichtiger Faktor. Die Ursache für die Nullzinspolitik ist allerdings weniger bei den Notenbanken oder gar den Geschäftsbanken zu suchen; sondern sie wird vielmehr durch die schwelende Euro-Krise verursacht, die bei weitem nicht gelöst ist, sondern lediglich vertagt wurde. Seit der New Economy Blase werden die Schuldenpakete eigentlich nur weiter gereicht und sind nun in den Staatshaushalten gelandet. Während starke Volkswirtschaften wie Deutschland durchaus Zinssätze um die 3% vertragen könnten, wäre dies für viele südeuropäische Länder der Todesstoß. Dementsprechend bläht sich im Anleihemarkt eine veritable Blasen auf.

Die Mutter aller Blasen

Zumindest in Deutschland sind hingegen weder der Immobilienmarkt noch der Aktienmarkt aktuell überhitzt. Michael Arpe wies jedoch nimmermüde darauf hin, dass sich Anleger stets über ihre Anlagen informieren müssen, denn einzelne Lagen (bei Immobilien) oder einzelne Aktiensegmente können sehr wohl zu teuer sein. Gerade für uninformierte Bürger ist die Lage brandgefährlich, weil Renten oder Bausparverträge leiden und es für viele ums Eingemachte geht. Die aktuelle Lage, wie z.B. die Wirkung des Brexit auf eine Ökonomie einzuschätzen ist hartes Brot. Selbst Profis haben den Einfluss des Europa-Ausstiegs der Briten auf die Aktienmärkte falsch eingeschätzt: Bisher blieb der große Rutsch aus, nur an den Währungsmärkten gab es größere Bewegungen. Die langfristigen Wirkungen sind jedoch politisch wie auch ökonomisch noch nicht abschätzbar. Für Europa schein es aber eine Loss-Loss Situation zu sein.

Eurosklerose gefährdet die Europäische Idee

Werden die Verhandlungen mit Großbritannien mit großer Härte geführt, droht die EU einen wichtigen Absatzmarkt zu verlieren. Ist man hingegen zu nachsichtig, erhöht sich der Anreiz für Nachahmer und Europa droht zu zerfallen. Wie Kostolany jedoch bemerkte: „Politische Börsen haben kurze Beine“, d.h. inwieweit diese tagespolitischen Ereignisse, wie auch die US-Wahl, die Börsen langfristig beeinflussen, bleibt offen.

Robo Advisor als bessere Berater?

Die Frage stellt sich also, ob der Anleger nicht durch die Nutzung von digitalen Technologien, z.B. von sogenannten Robo Advisors besser beraten wäre? Tatsächlich sind FinTechs im Anlagegeschäft auf dem Vormarsch. Die Möglichkeiten sind dabei vielseitig: nicht nur als Performancetreiber, sondern auch als Hilfestellung bei der Risikoeinschätzung können Robo-Berater den Anlegern helfen. Während der Mensch bei einem positiven Lauf oft bereit ist, zuviel Geld einzusetzen, ist die Maschine emotionslos und lässt sich von vergangenen Gewinnen oder Verlusten nicht emotional beeinflussen. Jedoch: der Kunde muss den nicht-menschlichen Berater auch akzeptieren. Bis sich diese Technologie flächendeckend durchsetzt, wird wohl noch einige Zeit vergehen.

Strategie 2017

Wie soll der Anleger nun dem Börsenjahr 2017 begegnen? Arpe betont, dass stets eine Betrachtung des Einzelfalls notwendig ist, empfiehlt aber aufgrund der Unsicherheit Gold als Basisversicherung fürs Depot, neben dividendenstarken Aktien, die als Zinsersatz attraktive Dividenden ausschütten. Klude empfiehlt nicht nur auf Aktien zu setzen sondern auch auf Anleihen. Allerdings weniger Staatsanleihen, die z.T. negative Zinsen aufweisen, sondern Unternehmensanleihen mit noch guter Bonität. Bei Aktien rückt er Schwellenländer in den Blickpunkt, da in den Industrieländern ein moderates Wirtschaftswachstum erwartet wird und dies auch zu stabilen Bedingungen in den Emerging Markets führen sollte. Michalkiewicz rät den Anlegern, die eigene Anlagestrategie regelmäßig zu überprüfen und empfiehlt ebenfalls dividendenstarke Titel. Scholz setzt bei seiner Empfehlung etwas früher an: Zunächst sollen die Anleger analysieren, wie viel Geld effektiv zur Anlage zur Verfügung steht, damit sie nicht überinvestieren und bei fallenden Börsen zu schnell unter Druck geraten. Beim Sicherheitspolster sollten Anleger in den saueren Apfel beißen und im Zweifel zu 0% auf einem Tagesgeldkonto investieren. Nur beim Geld, das riskant investiert werden kann weil es kurz- bis mittelfristig nicht benötigt wird, empfiehlt sich ein global diversifiziertes Portfolio. Anleihen bieten aufgrund ihrer asymmetrischen Risikostruktur nur dann einen Nutzen für Kleinanleger, wenn die Bonität besonders gut ist. Da diese Anleihen aktuell negative Zinsen aufweisen, sollten Anleger diese Titel meiden. Auch Gold findet Scholz nicht ideal: Sollte ein Anleger einen Euro-Crash befürchten, dann sind Silbermünzen vermutlich die bessere Wahl, weil diese besser als Bargeld funktionieren als Gold, das selbst in kleinen Mengen zu wertvoll ist für Dinge des täglichen Bedarfs.