Privatanleger auf dem Finanzmarkt — Workshop in Frankfurt / Main

Warum legen verhältnismäßig wenige Deutsche ihr Geld in Aktien und anderen Wertpapieren an? Was müsste man tun, damit die Privatanleger ihr Verhalten verändern? Ist der Finanzmarkt schlicht zu komplex für Privatanleger?

Diesen und anderen Fragen gingen die Teilnehmer auf dem Workshop Privatanleger auf dem Finanzmarkt vom 15. bis 16. Februar in Frankfurt / Main nach.

Eingeladen hatte socium, die in Verbindung mit der Union Investment und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung diesen Workshop organisiert hat. Das Besondere an diesem Workshop: er war interdisziplinär ausgerichtet, so dass sich Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen, u.a. Sozialwissenschaftler, Ökonomen, Juristen und Historiker, sowie Praktiker, z.B. Anlageberater, Investmentclubs, Politiker, Regulierer und Verbände, gegenüberstanden. Jeder der Teilnehmer konnte aus seiner Perspektive Mehrwert für die Gruppe beisteuern. Nach jedem Vortrag, der auf ca. 20 Minuten ausgelegt war, war nochmals genau so viel Zeit für die Diskussion, die auch ausgiebig genutzt wurde.

Nach den Grußworten von Monika Wächter und Giovanni Gay startete der erste Themenblock Anlagekulturen in Deutschland. Norbert Kuhn und Gerrit Frey vom Deutschen Aktieninstitut berichteten dabei von der Aktienkultur in Deutschland. Aus ihrer Sicht ist die Aktie in deutschen Anlagestrategien klar unterrepräsentiert — und das zu unrecht. Gerade bei langfristigen Anlagehorizonten, das zeigt das Renditedreieck, ist das Risiko überschaubar. Rolf von Lüde von der Universität Hamburg klärte über Einflussfaktoren für das Verhalten von Privatanleger auf und strich dabei die Bedeutung der familiären Prägung heraus.

Im Themenblock II Anlageberatung und Bankwesen beschrieb Sebastian Knake von der Universität Bayreuth den „störrischen Bankkunden“ aus historischer Perspektive und wie sich das Verhältnis Bank und Kunde sich seit den 1950er Jahren entwickelt hat. In meinem Vortrag zum Thema Robo-Advisory, konnte ich mit dem aktuellen Trend in der Anlageberatung beitragen, den Status Quo dieser Innovation beschreiben und insbesondere das Verhalten der Robo-Advisors hinsichtlich Messung der Risikopräferenzen der Anleger aufzeigen. Gesa Griese von der Universität Jena ordnete die Aufgaben der Banken in unterschiedlichen Normen ein, beispielsweise im Kontext nachhaltige vs. marktwirtschaftliche Ziele.

Im dritten Themenblock des Tages, Financial Literacy und Finanzbildung, präsentiere Antonia Grohmann vom DIW Berlin die Ergebnisse einer internationalen Studie zur Finanzbildung. Sie hielt fest, dass Frauen hinsichtlich finanzieller Bildung in quasi allen Ländern auf der Welt im Nachteil seien. Zuvor hatte uns Frank Jacob durch die „Erlebnisausstellung Finanzanlage“ der Union Investment geführt, die Anlegern auf anschauliche Art und Weise die Welt der Kapitalanlage nahe bringt.

Im Themenblock IV am Folgetag ging es um Finanzmarktpartizipation und Entscheidungspraktiken von Kleinanlegern. Raphael Heiberger (Universität Bremen) analysierte die Einflussfaktoren für eine Teilnahme am Kapitalmarkt und konnte die Konzepte House-Money Effekt und Mental Accounting aufzeigen, die aus der Behavioral Finance bekannt sind und auch für deutsche Anleger belegbar sind. Michael Walter und Lydia Welbers (ebenfalls Universität Bremen) gingen dann näher auf die Entscheidungspraktiken von Kleinanlegern ein und und zeigten durch eine Analyse von Interviews deren Beweggründe für oder gegen Finanzmarktinvestitionen auf sowie das Verhältnis zu Anlageberatern.

Der letzte Themenblock Regulierung und Anlegerschutz war durch eine Podiumsdiskussion gestaltet, an der Chan-Jae Yoo (BaFin), Marc Tüngler (DSW) und Sarah Ryglewski (MdB) teilnahmen.

Insgesamt ein gerade durch die Interdisziplinarität bestechendes Konzept, bei dem ein gegenseitiger Austausch neue Perspektiven eröffnete. Ein wirklich gelungenes Format, an dem ich sehr gerne teilgenommen habe und viele wertvolle Kontakte knüpfen konnte!