Über gutes Lernen und Lehren

„Was hat der Dozent eben gesagt? Könnte man das, was gesagt wurde, nochmal eben schnell zurückspulen…?“

Vor vielen Jahren, als ich selbst noch Student war, habe ich mir zum ersten Mal Gedanken über gute Lehre und gutes Lernen gemacht. Sehr oft bestehen Vorlesungen aus reinem Abschreiben von der Tafel, meist in hohem Tempo; oder aus PowerPoint-Folien, die häufig mit viel Text befüllt sind. Tutorien sind als Übungsstunden vorgesehen, in denen jedoch meist die Lösungen zu bestimmten Aufgaben einfach vorgerechnet werden. Auch hier ist das Schreibtempo hoch, Zeit zum Reflektieren ist knapp… copy and paste… was für eine Zeitverschwendung! Für beide Seiten übrigens.

Zu meiner Zeit als Student hätte ich mir Lehrvideos oder einen Life-Stream für die Veranstaltungen gewünscht. Umso größer die Überraschung als ich eines Tages auf die Youtube Seite von Salman Khan gestoßen bin. Angefangen hat er mit ein paar Erklärvideos, inzwischen hat er die Khan Academy gegründet. Auch deutsche Vertreter gibt es, mir sind besonders  Jörn Loviscach und Christian Spannagel aufgefallen, die nicht nur Lehrvideos aufzeichnen und online stellen sondern sich insgesamt sehr intensiv mit dem Thema Didaktik und Lehre befassen.

Was macht gute Lehre aus?

Heute ist die Digitalisierung der Lehre das große Thema – und ja: Die digitalen Medien bieten ungeahnte Möglichkeiten! Inzwischen gibt es ganze Kurse, die online stattfinden, die sogenannten MOOCs (Massive Open Online Courses). Die Idee dahinter ist die Demokratisierung der Lehre: Bildung für alle überall! Die physische Anwesenheit an der Universität ist nicht mehr notwendig. Aber stirbt damit nicht die Präsenzlehre?

Ich glaube nicht! Technik kann Erlebnis nicht ersetzen. Obwohl Fußballspiele im Fernsehen übertragen werden, gehen die Leute ja trotzdem noch ins Stadion. Und Studieren ist mehr, als die Anhäufung von Wissen – schon gar nicht durch eine Art “Druckbetankung”. Es wäre eine traurige Vision, wenn Studieren nur noch daraus bestehe, einsam vor einem Bildschirm zu sitzen und Videos zu glotzen… Der chinesische Philosoph Konfuzius sagte:

„Nehmen wir an, jemand kann alle dreihundert Stücke des Buchs der Lieder auswendig hersagen. Wird ihm aber eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, dann versagt er. Ein solcher Mensch hat zwar viel gelernt, aber welchen Nutzen hat es?“

Im heutigen Informationszeitalter hat Wissen ohnehin eine geringe Halbwertszeit. Es geht um die Anwendung von Gelerntem und um Methoden sich Wissen anzueignen und aktuell zuhalten. Leider wird das noch zu häufig anders gelebt — Bulimie-Lernen ist das Stichwort.

Death by Powerpoint

Der Antagonist guter Lehre ist die Powerpoint-Präsentation. Sie ist beim Lehrenden beliebt, weil der Aufwand vergleichsweise gering ist. Interessante und hervorragende Lehre hat an Universitäten häufig keine Priorität, sondern herausragende Forschung. Und auch die Studenten fordern Powerpoint-Folien als Skript regelmäßig ein, erleichtert es doch das Auswendiglernen ungemein, wenn alles was als wichtig gilt, vorselektiert auf einer Folie steht.

Damit sich dies ändern kann, wäre es wünschenswert, dass gute Lehre auch in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Ich glaube, die wenigsten Dozenten wollen langweilige Lehre machen — letztlich ist es eine Frage des Zeitbudgets und der Ausbildung. Oftmals wird auch stillschweigend angenommen, dass gute Forscher auch gute Lehrer sind. Weiterbildung im Bereich Hochschuldidaktik erfolgt häufig autodidaktisch und in der Freizeit der Dozenten.

Die Anforderungen an Hochschullehre werden durch die stetig voranschreitende Digitalisierung aber immer vielschichtiger: Der Dozent benötigt nicht nur ein umfassendes theoretisches Wissen, sondern baut im Idealfall stets die Brücke zur Praxis. Die Lehre besteht nicht aus reinen Powerpoint-Vorträgen, sondern bindet die Studierenden aktiv mit ein. Dafür ist didaktisches Geschick und Medienkompetenz notwendig: Organisation von Kursen über Social Media, Apps für Multiple-Choice-Tests oder Live-Online-Abstimmungen, Skype-Konferenzen, Lehrvideos, etc. Die Möglichkeiten sind vorhanden und vielfältig — der Bedarf an Zeitbudgets, um das alles umzusetzen, aber auch. „Gute Lehre [ist] kein Produkt, sondern ein Prozess“ (Quelle)  – dem ist nichts hinzuzufügen!

Das Thema muss unter die Haut gehen

Der vielleicht wichtigste Punkt fehlt aber noch: die Motivation der Studenten/-innen. Ein Dozent kann sich noch so viel Mühe geben — wenn die Bereitschaft nicht da ist mitzuziehen, dann kann selbst die beste Didaktik nichts mehr retten. Dies ist vielleicht der Punkt, der mich in meiner bisherigen Lehrtätigkeit am meisten überrascht hat: Ich ging immer davon aus, dass alle Studierenden zumindest eine Grundmotivation mitbringen, die lediglich wach gekitzelt werden muss; strengt sich der Dozent genügend an, ziehen alle mit. In diesem Punkt war ich offensichtlich naiv. Ein zu großer Anteil der Studierenden wählt das Fach anscheinend nicht nach Interesse, sondern nach erwarteter Jobchance bzw. Gehaltsperspektive aus, gerade im Fach der Betriebswirtschaftslehre. In meinem Schwerpunkt Banking & Finance hingegen haben bisher (Stand: Februar 2017) die allermeisten Studierenden glücklicherweise eine hohe Motivation — was beiden Seiten im Kurs Spaß bringt!

Banken sind attraktive Arbeitgeber. Immer noch.

Auch wenn die Reputation der Banken in den letzten Jahren gelitten hat, sind Banken immer noch beliebte Arbeitgeber. In meinen Augen auch absolut zu Recht! In kaum einer Branche ist das Betätigungsfeld so vielfältig: So gibt es Schnittstellen zum Rechnungswesen, Controlling, (Wirtschafts-) Recht, Informatik(!), Ingenieurwesen, Human Resources, (Sozial-) Psychologie, Volkswirtschaftslehre, Statistik, Mathematik, Marketing, u.v.m. Fast jede Themenpräferenz kann ein Jobprofil in einer Bank finden. Allerdings zieht das i.d.R. überdurchschnittliche Gehalt auch einige Interessenten an, die vor allem am Geld und nicht an der Sache an sich interessiert sind. Das ist bedauerlich, weil man ohne Interesse an der Thematik im Studium und später im Job nicht glücklich wird. Den finanziellen Aspekt als einzige Motivationsquelle heranzuziehen ist viel zu wenig. Von einem Banker erwartet man zu Recht, dass er sich in allen möglichen Themen gut auskennt, denn an den Finanzmärkten laufen alle Informationen zusammen und alles hat irgendwie einen Einfluss. Wer dafür nicht brennt, sollte sich lieber überlegen, wohin es ihn/sie wirklich zieht.

Wie sieht also eine ideale Vorlesung aus?

Ich bin davon überzeugt, dass man diese Frage nicht pauschal beantworten kann oder besser noch: sollte! Jeder Dozent ist anders, hat seine eigenen Stärken und Schwächen. Vorlesungen machen sicher auch mehr Spaß, wenn nicht jeder Dozent “das Gleiche” macht. Es gibt z.B. auch Vorlesungen, die vielleicht eine “suboptimale Didaktik” aufweisen, die man aber trotzdem gerne besucht, beispielsweise wenn entweder das Thema besonders spannend ist oder der Dozent selbst ein besonders interessanter Typ ist.

Was eine ideale Vorlesung sicher kaum leisten kann, ist Studierende zu motivieren, die eigentlich kein Interesse am Thema haben. Manchmal gelingt das dennoch, was sehr erfreulich ist, der Maßstab ist es aber definitiv nicht. Sofern die Studierenden ein gewisses Grundinteresse und Offenheit mitbringen, ist vieles möglich!

Ich für meinen Teil habe festgestellt, dass man am besten lernt, wenn man selbst aktiv etwas tut. Berieseln lassen ist zwar bequem, aber nicht zielführend. Studieren heißt “sich bemühen”. Die Dozenten können aber die Bemühungen sicherlich auf viele Weisen unterstützen. Mein Konzept sieht daher wie folgt aus:

  1. Es gibt kein fertiges Skript!
    Skripte führen letztlich zu Bulimie-Lernen: Das was im Skript steht ist für die Klausur verbindlich, also hämmert man sich das ins Hirn. Macht keinen Sinn! Das selbstständige Zusammenstellen der Informationen zu einem eigenen Skript hat einen gehörigen Lerneffekt! Außerdem darf man dann das eigene Skript — sofern es eine Klausur gibt — mit in die Prüfung nehmen.
  2. Kein Death-by-Powerpoint
    Meine Vorlesungen sind kein Powerpoint Frontalunterricht. Grundsätzlich habe ich nichts gegen eine gut gemachte (Powerpoint-) Präsentation, die Erfahrung zeigt aber, dass die Wenigsten das wirklich können. Auch sehe ich den Frontalunterricht per se gar nicht so kritisch, denn auch durch zuhören kann man lernen. Es darf aber nicht in Dauerberieselung ausarten. Daher versuche ich, abgesehen von gelegentlich eingestreuten Impulsvorträgen, den Frontalanteil auszulagern (bspw. durch Videos die ich nach und nach online stellen werde).
  3. Anwenden, anwenden und nochmals anwenden!
    Banking ist zu einem guten Teil auch ein mathematisches Fach, Formeln sind absolut notwendig. Da Excel ein weit verbreitetes Tool in den Banken ist, macht es während der Vorlesung mehr Sinn, gemeinsam Tabellensheets zu entwickeln als Dinge zu hören, die man auch einfach in einem Buch nachlesen kann.

Letztlich kann man als Dozent auch nur Unterstützungsangebote machen — lernen muss man immer noch selbst. Und so lange man Wissen nicht einfach ins Gedächtnis uploaden kann, wie z.B. im Hollywood-Blockbuster „The Matrix“ wird das auch so bleiben. Ach übrigens: Auch Neo musste im Film das eingetrichterte Wissen trotzdem noch durch Training einstudieren, weil er sonst den anderen unterlegen war.